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weblogs – die rückkehr der privaten

(von mariann unterluggauer)

"Gott gab mir die Gelassenheit zu akzeptieren, dass es Seiten gibt, die ich nicht verändern kann, den Mut diejenigen zu editieren, wo es erlaubt ist und die Weisheit, den Unterschied zu erkennen."
Wiki Prayer

"Wer nicht updatet wird auch nicht wahrgenommen" lautet ein Grundsatz unter Webloggern. Unterstrichen wird dieser gute Vorsatz noch dadurch, dass es mittlerweile Filter gibt, die nur diejenigen Sites auflisten, auf denen sich auch wirklich etwas getan hat. Netdyslexia bietet zum Beispiel so einen Monitor an. Dort kann man sich auch als Weblogger eintragen lassen. Demnach gibt es in Österreich davon gerade acht, in Deutschland sind es 13. Von einem neuen Hype kann dabei also noch nicht gesprochen werden. Zumindest nicht in Europa. Die Community ist noch überschaubar, und man kennt sich. (Kommentar von Netdyslexia)

Irgendwie bekommt man auch den Eindruck, dass die offizielle Weblogger-Szene in Österreich einen gemeinsamen Ursprung hat: helma.at. Eine Site, die 1998 von Hannes Wallnöfer gemeinsam mit Tobi Schäfer und Anja Weissbacher ins Leben gerufen wurde. Damals schrieben sie alle noch im Kollektiv. Mittlerweile wurde aus helma.at classic.helma.at, und manche der damaligen Schreiber oder Leser eröffneten in der Zwischenzeit ihre eigenen Weblogs.
Hannes Wallnöfer: "Mein Motiv war, dass ich etwas schreiben wollte, aber irgendwie nicht den Mut gehabt habe, längere und größere Sachen zu schreiben. Es interessierte mich mehr, einfach nur Sachen zu verlinken und kleinere Bemerkungen oder Aufzeichnungen zu veröffentlichen. Das ganze hat natürlich auch einen experimentellen Charakter gehabt, eben weil mehrere gleichzeitg daran geschrieben haben. Und dann kam bei mir natürlich noch die Softwarekomponente dazu."

Bei der Software, die hinter den Weblogs steckt, geht es im allgemeinen um eine primitive Form von Content Management, um das Verwalten von Inhalten, aber auch von Usern.

Hannes Wallnöfer: "Ich würde einmal so sagen: Content Management ist ein weiter Begriff, mit dem sowohl ganz einfache, als auch ganz komplizierte Sachen bezeichnet werden können. Man könnte sagen, dass Weblog-Tools ganz einfache, minimalistische Content Management Systeme sind. Das Schöne an diesen Tools ist, dass sie ganz einfach zu bedienen sind, dass man damit Sachen schnell publizieren kann: Man klickt auf einen Link, logged sich ein, schreibt etwas, drückt noch auf einen Knopf und die Sache ist draußen."

Hannes Wallnöfer hat sich die Software für sein Weblog noch selbst geschrieben. Seit letztem Jahr werden dafür im Netz eigene Tools angeboten. Manila oder Blogger heißen die Bekanntesten unter ihnen. Und es gibt sie gratis. Mit diesen sogenannten "authoring tools", die nach dem Motto "easy to edit" geschrieben worden sind, sollte vor allem eine ursprüngliche Idee des Webs wiederbelebt werden: die private Website, die Homepage.

Hannes Wallnöfer: "Weblog ist nichts anderes, als ein Einzelner, der damit vor hat, eine Seite mit professionellem "flow" zu machen, also wo der Inhalt mit hoher Geschwindigkeit durchfließt. Sozusagen als Antwort auf die langweiligen, sich nie ändernden Seiten kam das Kriterium, dass sich eine gute Seite häufig ändern muss."

In den letzten Jahren beherrschten eher kommerzielle Anbieter und Medienhäuser das Webgeschehen. Neben den mehr oder weniger gestylten und redaktionell betreuten Sites, rutschten manche privaten Homepages eher in die Kategorie "peinlich" ab. Bei dem Versuch, optisch mitzuhalten, verzettelten sich nur allzu viele. Auf Inhalte oder regelmäßige Updates wurde meistens ganz verzichtet. Mit Weblogs, so hofft auch Dave Winer, Begründer der Firma UserLand, sollte sich das wieder ändern. Entscheidet man sich dazu ein Weblog zu betreiben, muss man zwar auf die eine oder andere grafische Spielerei verzichten, aber dafür erspart man sich das Erlernern von html und bekommt ein Tool zur Verfügung gestellt, das einfach zu bedienen ist. Man muss es ja nicht einmal Weblog nennen, denn auch Dave Winer, dessen Firma unter anderem die Weblog-Software Manila anbietet, sieht zwischen Homepage und Weblog keinen wesentlichen Unterschied.

Dave Winer: "Es ist absolut die gleiche Idee. Mit der Ausnahme, dass Weblogs als eine Art Weiterentwicklung von persönlichen Websites verstanden werden können. Weblogs verdeutlichen eine Eigenheit des Netzes, die bei der ursprünglichen Vision nicht so deutlich sichtbar wurde: Nämlich, dass sich das Web ständig verändert. Es bleibt nie stehen. – Nein, ich sollte nicht nie sagen. Natürlich gibt es Broschüren da draußen im Web, aber aus individueller Sicht verändert sich das Web ständig. Wenn Sie auf meine Website gehen, kann es schon passieren, dass Sie dort von einem Tag zum anderen unterschiedliche Geschichten lesen. Das, der Zeitfaktor, ist glaube ich etwas, das die Weblogs eingeführt haben. Sonst sehe ich nicht wirkliche Unterschiede zwischen einem Weblog und einer Website."

Mit "authoring tools" wie Manila, entwickelte sich rund um die Weblogs eine gewisse Gruppendynamik. Vor allem in den USA. Vor 1999 stieß man selbst dort nur vereinzelt auf Weblogs, die abgekürzt auch als "Blogs" bezeichnet werden.

Hannes Wallnöfer: "Es ist so: Die ersten Weblogs sind von Leuten gemacht worden, die sich selber die technischen Tools zusammengebastelt haben. Es ist halt wirklich erst seit einem Jahr so, dass es Leute gibt, die sozusagen eine 'Infrastruktur für Alle' anbieten. Es stimmt. Das Weblog für die Massen ist erst seitdem möglich."

Den Begriff Weblog prägte Jorn Barger, ein Software Entwickler aus den USA. Laut Magazin Wired war er es, der 1997 mit seiner Page Robot Wisdom die Ära der Weblogs begründete. Allerdings zustimmen wird dieser Annahme in der Community kaum jemand.

Hannes Wallnöfer: "Also eigentlich waren schon unter den ersten Websites Weblogs dabei. Es war so, dass Tim Berners-Lee, also der Erfinder des WorldWideWeb, eine Newssite gehabt hat, wo er – ganz in Weblog Manier – neue Seiten aufgelistet hat."

Regelmäßige Updates, interessante Links und mehr oder weniger kurze Kommentare, so könnte man Weblogs im allgemeinen beschreiben. Eigentlich alles Dinge, die auch eine gute Website von jeher schon erfüllen musste. Im wesentlichen kann man davon ausgehen, dass sich Weblogger meist einem Thema verpflichtet fühlen. Egal, ob es sich dabei um Schach, Webdesign oder Programmierung handelt. Bei manchen wird auch schlicht das eigene ICH in den Vordergrund gestellt. Wie auch immer. Liest man sich durch die editthispage weblogs, der Plattform für Manila Websites, bekommt man nicht selten das Gefühl, schlicht und einfach nichts zu verstehen. Es braucht seine Zeit, bis man den Jargon der Weblogs versteht. Aber nach öfteren Besuchen entpuppt sich das eine oder andere Weblog durchaus als lesenswertes Fachjournal.

Das Prinzip, dass das Lesen von Weblogs nur dann einen Sinn macht, wenn man zu ihnen immer und immer wieder zurückkehrt, prägt auch den Schreibstil. Manchmal liest man nur Halbsätze, findet scheinbar willkürlich gesetzte Links. Der kurzen Stil wird oft damit erklärt, dass Weblogs ganz einfach als persönliche Notizzettel verstanden werden. Das Netz als post-it Zettel.

Christan Langreiter: "Wenn es mit Aufwand verbunden wäre, dann würde es langreiter.com nicht geben. Ganz einfach. Wenn es nicht so praktisch wäre, meine Informationen damit zu archivieren ... So kann ich, wenn ich irgendetwas suche, zuerst auf meinem eigenen Space nachschauen, um zu sehen, was ich früher zu diesem Thema recherchiert habe. Es muss so komfortabel wie möglich sein, denn sonst wäre die Wahrscheinlichkeit schon sehr hoch, dass der Enthusiasmus wieder stirbt."

Sehr viel Zeit scheint Dave Winer mit seinen Weblogs zu verbringen. Seine persönliche Meinung verteilt er gleich auf mehrere. Auch scheint er kein Anhänger von kurzen Statements zu sein. Bei ihm stößt man nicht auf viele Links, sondern er schreibt lieber Essays. Dass es sich dabei machmal um Ideensplitter handelt, erkennt man nicht unbedingt an der Kürze, sondern eher daran, dass manche Sätze ganz einfach abreißen. Dave Winer schätzt an Weblogs vor allem eines: Texte lassen sich genauso leicht wie sie publiziert wurden, auch wieder löschen. Zwischen e-mails und Weblogs gibt es für ihn einen wesentlichen Unterschied, obwohl diese beiden Systeme - betrachtet man den Stil - eigentlich einiges gemeinsam haben.

Dave Winer: "Die beiden Medien sind sehr unterschiedlich. Sie können bei einer e-mail, die versendet wurde, nachträglich nichts mehr verändern. Bei einem Weblog hat man diese Möglichkeit. Man kann ein paar Minuten später sagen: Nein, ich habe meine Meinung geändert und ich lösche diese Aussage lieber. Ich mache das ständig. Es kommt schon vor, dass Sie auf meiner Site das eine oder andere böse Wort lesen können. Aber wenn Sie ein paar Minuten später zurückkommen, sind diese flames auch schon wieder weg. Manchmal fällt es mir eben schwer, mich zurückzuhalten. Obwohl es wahrscheinlich besser wäre, manches nicht zu sagen. Ich denke, es gibt etwas Wundervolles rund um Weblogs: sie sind editierbar."

Die Vorgaben, die Dave Winer auf seinen Weblogs aufstellt, sind eigentlich erstaunlich strikt: Er verändert und editiert nicht nur seine eigenen Kommentare, sondern auch die Reaktionen anderer.

Dave Winer: "Ich denke, die Menschen wollen es als ihren privaten Platz verstanden wissen. Dieses Thema kommt immer und immer wieder in unserem Diskussionsforum auf. Manche glauben, dass es sich hier um eine "free-speech" Zone handle. Dass ihre Nachrichten dort erhalten und nie gelöscht werden dürfen. Aber so ist es nicht, und wir haben das bei uns auch sehr deutlich gemacht. Wenn jemand persönlich angegriffen wird, dann löschen wir es. So einfach ist das. Das Internet als Ganzes gesehen ist kein Ort der freien Meinungsäußerung, – ich meine, die persönlichen Sites sind kein Ort der freien Meinungsäußerung. Allgemein, sollte das Internet das natürlich zulassen, aber wenn Sie etwas Böses über jemand anderen schreiben wollen, dann finde ich, ist es erlaubt zu sagen, das können Sie bei mir nicht machen. Aber es wäre nicht in Ordnung zu sagen, dass Sie das nirgends im Web veröffentlichen dürfen."

Es gibt eine Software, die zwar nicht für Weblogs geschrieben worden ist, aber trotzdem von dem einen oder anderen in diese Richtung abgewandelt wurde. Der Name dafür ist Wiki. Wiki wurde Mitte der 90er Jahre von Ward Cunningham entwickelt und das Besondere daran ist, dass man damit einem Autor sprichwörtlich in die Tasten greifen kann. Texte können von jedem beliebig editiert und verändert werden.

Wiki Prayer
"Gott gab mir die Gelassenheit zu akzeptieren, dass es Seiten gibt, die ich nicht verändern kann, den Mut diejenigen zu editieren, wo es erlaubt ist und die Weisheit, den Unterschied zu erkennen."
Gefunden auf der Wiki-Site von Ward Cunningham.
Dave Winer: "Sie können das auch mit Manila. Sie können ganz einfach das Passwort auf ihrer Seite veröffentlichen. Allerdings kenne ich nicht Viele, die das machen würden. In Wirklichkeit ist es einfacher, es zuzulassen, als es zu verhindern. Es ist schwieriger ein System zu schreiben, das erkennt, wer Sie sind und welche Berechtigungen Sie haben. Ich weiß nicht, ich habe so etwas nie verwendet. Ich habe nur einmal ein System ausprobiert, das sich Metababy nennt, wo jeder die Berechtigung hat, alles zu verändern. Für kurze Zeit macht das auch Spass, aber es ist unmöglich eine Konversation zu führen, wenn die Menschen ständig alles, was gesagt wurde, auslöschen."

Einer, der es probiert hat und diese Möglichkeit auch weiterhin nützt, ist Christian Langreiter. Seine Software, die er für sein Weblog geschrieben hat, ist eine Art Wiki-Clone. Und es funktioniert. Nur einmal wurden aus seinem Weblog Inhalte gelöscht. Es ist schon faszinierend, dass ein so offenes System selbst in Zeiten respektvoll behandelt wird, in denen sich sogenannte Scriptkiddies scheinbar nur einem Motto verschrieben haben: Websites sind nur dazu da um zerstört oder wenigstens kurzzeitig lahmgelegt zu werden.

Chrisitan Langreiter nennt seine Software Vanilla. Manila stand Pate. Aber die Beweggründe dafü waren andere als bei Dave Winer. Dave Winer begründet seine Namenswahl, mit einem gewissen Naheverhältnis zu ähnlich klingenden Softwareprodukten. Wobei das Naheverhältnis auch geografisch verstanden werden kann. Sun wählte als Produktnamen schließlich auch den Namen einer Insel: nämlich "Java". Aber auch Mozilla, ein Spitzname, den Netscape für "Navigator" verwendet, hätte ihm sehr gut gefallen.

Christian Langreiter: "Wie Dave Winer ganz begeistert von Manila geschrieben hat, welche große Innovation das wäre, da habe ich mich natürlich dazu bemüßigt gefühlt, zu schauen, wie schwierig so etwas wirklich ist. Im Prinzip ist Vanilla ja ein triviales Programm. Es hat auch nicht den Feature-Umfang von Manila, aber irgendwie ist es mir dermaßen lächerlich erschienen, wie er es schon fast als ein Feature des Jahrhunderts angepriesen hat. Es ist ein triviales Programm, das jeder guter Programmierer oder Webentwickler innerhalb kürzester Zeit klonen könnte."

Einen wesentlichen Unterschied gibt es zwischen der Software Manila und Vanilla. Zwar sind beide gratis im Netz downloadbar, nur ohne Programmiererfahrung wird man mit letzterer nicht sehr viel anfangen können. Auch hat Chrstian Langreiter die Weiterentwicklung seiner Software eingestellt. Hannes Wallnöfer hingegen entwickelt sein System, dem sogenannten Hop, noch weiter. Der Einsatz des Hops als Weblog helma.at, war für ihn nur eine Zwischenstufe. Und derzeit betätigt sich Hannes Wallnöfer nicht als Weblogger. Er beschränkt sich aufs Lesen und manchmal findet man auch den einen oder anderen Komentar von ihm. Im allgemeinen, so erzählt er, genießt er seine weblogfreie Zeit, denn "Weblogger ist man entweder ganz oder gar nicht".

Weblogs, so Hannes Wallnöfer weiter, sind auch nichts für diejenigen, die zu einem bestimmten Thema etwas suchen, sondern vielmehr für die, die über ein Thema auf dem Laufenden bleiben wollen. Sie fungieren als Newskollektor, Tagebuch, Link-Sammlung und manchmal auch als Diskussionsforum. Letzteres wird allerdings meist nur dann erreicht, wenn – wie bei Dave Winer – ein eher kontroversieller Stil gepflegt wird.

Dave Winer: "Wenn Sie nie jemanden verärgern wollen, dann dürfen Sie ihren Mund nicht aufmachen, denn es wird immer irgendwen geben, der sich über ihre Aussagen ärgern wird. Aber in einer Welt, in der sich niemand ärgert, möchte ich nicht leben."

Allgemein hält sich die aktive Beteiligung bei Weblogs eher in Grenzen. Auch sind Weblogger selbst nicht unbedingt diejenigen, die in diversen Diskussionsforen gerne ihre Meinung kundtun. Sie bleiben lieber auf ihren eigenen Sites, sozusagen unter sich. Allerdings sind ihre Kommentare dort nicht selten auch Inspiration für den einen oder anderen Autor, der sich für seine Tätigkeit bezahlen lässt.

als dank für die ankündigung dieser sendung auf diversen weblogs und auch als dankeschön für die mitwirkenden (hannes wallnöfer, christian langreiter und dave winer), kann man sich – wenn man unbedingt will – diese sendung auch im mp3 format anhören.
(aber achtung: 12mb!!!)

sonntag, 03.09.2000, erstellt von matrix