(von thomas thaler)
"Cirka '94, '95 gingen die ersten größere Suchmaschinen ans Netz, Altavista glaube ich 95, und wir hatten ja häufiger das Problem, ganz konkret hier im Rechenzentrum unter Mitarbeitern, wenn wir irgendwas gesucht haben, dass man mehrere Suchmaschinen nacheinander abfragen musste, die Ergebnisse irgendwie zusammenführen musste, gewichten musste, usw. und dann kam eines Tages die Idee, dieses manuelle Abfragen verschiedener Suchmaschinen und Zusammenführen der Ergebnisse kann man doch per Programm besser machen, und dieses Programm nennt man eine Metasuchmaschine. Dann hab ich mich zu Hause hingesetzt und in drei Tagen so ein Ding programmiert, was zeigte es funktioniert, und erzählte davon einem Kollegen, der diese Idee genauso faszinierend fand. Dann haben wir angefangen richtig zu programmieren."
Wolfgang Sander Beuermann betreibt am Regionalen Rechenzentrum für Niedersachsen der Universität Hannover die sehr erfolgreiche Suchmaschine Metager. Bis zu fünfundzwanzig deutschsprachige Suchmaschinen lassen sich über
Metager mit einer Eingabe zugleich abfragen.
Was als Werkzeug für die wissenschaftliche Arbeit begann, wurde schnell selbst zum Forschungsgegenstand. Inzwischen sind zahlreiche Diplomarbeiten zum Thema entstanden, und Hannover ist weltweit eine der ersten Adressen, wenn es um universitäre Forschung zum Thema Suchmaschinen geht.
"Irgendwann entwickelt das eine Eigendynamik, immer mehr Leute fanden das gut, haben es benutzt. Die Nutzerzahlen stiegen drastisch an, unsere Kosten stiegen an, wir hatten erhebliche Datenvolumina, das kostet Geld, so waren wir irgendwann in der Bredouille, uns selbst finanzieren zu müssen, also die Kosten verdienen zu müssen, die wir hier verursachen. Und dann kam ca. 98, 99 das erste Mal die Frage, könntet ihr Werbung machen auf Metager und das war für eine Uni damals fast eine unmoralische Frage. Wir haben lange hin und her überlegt und haben das dann gemacht, als ein sehr seriöser Anbieter damit kam, der sowieso aus der Computerbranche stammte, da haben wir dann zum ersten mal tatsächlich Werbung geschaltet. Und unsere Nutzerschaft war nicht völlig empört und hat gesagt, nie wieder ihr seid kommerziell oder so, sondern hat das als ganz normal angenommen.
In den vergangen Jahren haben sich die Zugriffszahlen jeweils verdoppelt. Heuer sind sie das erste mal konstant geblieben. Vierhundert- bis vierhundertfünfzigtausend Anfragen hat Metager jeden Tag. Die
Stiftung Warentest hat vor kurzem untersucht, welche Suchmaschinen die besten Ergebnisse liefern. Metager belegte gemeinsam mit Lycos den dritten Platz, und wurde nur von Google und Altavista geschlagen. Wolfgang Sander-Beuermann scheint fast ein bißchen erleichtert, dass das rasante Wachstum zum Stillstand gekommen ist. Er muss sich jetzt nicht mehr mit dem ständigen Ausbau der Infrastruktur beschäftigen und kann sich anderen Fragen zuwenden. Die großen Nutzerzahlen sind aber eine wichtige Grundlage für das eigentliche Ziel des Projekts, die Forschung. Viele Fragestellungen lassen sich erst anhand großer Datenmengen sinnvoll beantworten. Und das Feedback der Nutzer gibt auch direkte Anregungen für die Entwicklung neuer Features. So gibt es auf Metager zum Beispiel einen Assoziator, der helfen soll, das richtige Suchwort zu finden. Die großen Nutzerzahlen machen aber auch die Finanzierung des Projekts einfach. Die Werbeleute haben dem Rechenzentrum fast die Türe eingerannt. Und auch wenn die Einnahmen im letzten Jahr gesunken sind, zu drastischen Maßnahmen sahen sich die Betreiber noch nicht gezwungen.
"Wir hatten ganz konkret die Anfrage, jemand hat gesagt, ihr könnt viel Geld damit verdienen, wenn wir Platz Eins bei euch kaufen können. Und der Platz Eins der wird natürlich, also wenn wir Ergebnisse oder irgendwas an Werbung machen, dann steht da drüber Sponsorenlink oder Werbung oder irgendwas steht dabei. Und auch wenn der Platz Eins bei uns verkauft werden würde, dann würde da drüber stehen dies ist ein Sponsorenlink, oder dies ist eine Werbung, völlig klar und unstrittig. Bei uns zumindest. Bei anderen Suchmaschinen muß das überhaupt nicht so sein. Ich weiß, dass das etliche Suchmaschinen das versteckt machen und verdeckt machen, nur wenige schreiben dazu, dass es gekaufte Links sind. Wenn wir das machen würden, würden wir es natürlich dazu schreiben, das war mit dem Anbieter auch so besprochen, und er hatte auch nichts dagegen gehabt, daß wir da drüber schreiben, dies ist Werbung, Doppelpunkt."
Drei Sponsoren stehen bei Metager am Kopf jeder Ausgabeseite. Je eine Zeile Text und ein normaler blauer Link. Eine relativ heile Welt verglichen mit dem, was bei anderen Suchmaschinen üblich ist. Es ist inzwischen Standart, dass die Anbieter dafür zahlen, dass ihre Angebote ohne längere Wartezeiten in Suchmaschinen und Kataloge aufgenommen werden. Suchmaschinen nehmen aber auch Geld dafür, dass bestimmte Links auf jeden Fall im Ergebnis auftauchen oder auch dafür, dass sie entsprechend vorgereiht werden. Wolfgang Sander-Beuermann hat Verständnis für seine Branchenkollegen, von denen viele mit dem Rücken zur Wand stehen. Die Frage ob hier manche zu weit gegangen sind, ist für ihn aber eigentlich schon entschieden. Auch wenn es auch in Zukunft immer wieder einzelne Ausreißer geben wird.
"Ich denke die Tendenz ist ganz klar, dass alle Suchmaschinen das kennzeichnen werden. Oder kennzeichnen werden müssen. Wir unterhalten uns ja häufiger mit Kollegen von Suchmaschinen, oder ehemalige Diplomanten von uns arbeiten bei Suchmaschinen und wir haben einen guten Draht zueinander und es ist Einigkeit darüber, dass diese gekauften, im Ranking gekauften Treffen angezeigt werden müssen. Momentan macht das meines Wissens nur eine einzige relativ neue deutsche Suchmaschine, nämlich QualiGo, die wir darum auch im Metager integriert haben, weil das ganz klar angezeigt wird dies ist ein gekaufter Link. Und dann können wir den auch so übernehmen. Der kommt, wenn der bei dieser Suchmaschine QualiGo an erster Stelle steht, bei uns deswegen nicht an die erste Stelle, der wird in die normalen Treffer eingereiht, aber er ist gekennzeichnet als gekaufter Link. Und jede andere Suchmaschine, die das so macht, die ihr Ranking verkauft, und das hinterher anzeigt, haben wir kein Problem dies zu übernehmen und zu sagen dies ist eine gekaufte Plazierung. Ich denke die Suchmaschinen werden alle dahin kommen müssen."
Eine amerikanische Konsumentenschutz-Organisation hat diesen Sommer Beschwerde gegen acht große Suchmaschinen erhoben. Diese hatten ungekennzeichnete bezahlte Treffer plaziert, und dadurch die Nutzer getäuscht. Die zuständige Federal Trade Commission hat angekündigt, zunächst eine gütliche Einigung mit den Betreibern anzustreben. Suchmaschinen werden wohl auch weiterhin relevante Ergebnisse liefern. Trotzdem hat Wolfgang Sander-Beuermann in letzter Zeit viel Überzeugungsarbeit geleistet, um eine eigene Suchmaschine für den Bereich der Universitäten aufzubauen. Dieses Projekt
Forschungsportal.net ist in der Betaversion schon verfügbar. Es ermöglicht zum Beispiel auch die Suche nach Instituten die sich mit einem bestimmten Thema beschäftigen.
"Wenn dieser eigene Bereich, sagen wir einmal der europäische Unibereich, wenn der nur von kommerziellen Suchmaschinen erfaßt würde, und nicht von Suchmaschinen die Unis selber betreiben, dann ist man den Manipulationsmöglichkeiten dieser Suchmaschinenbetreiber voll ausgeliefert, das darf nicht passieren. Wenn das Ranking in solchen Forschungssuchmaschinen verkauft würde oder wenn Werbung eingestreut würde, die nicht mehr erkennbar ist oder wenn unliebsamen Seiten, auf denen bestimmte Produkte besprochen und als nicht gut dargestellt werden, wenn solche Sachen rausgenommen werden. Der manipulative Einfluß von Werbetreibenden oder von anderen Firmen ist auf eine unabhängige kommerzielle Firma sicher viel größer als auf eine Uni. Wenn bei uns eine Firma kommt und sagt, mir gefällt das nicht was aus eurem Metger da an Treffern raus kommt, nehmt bitte die Konkurrenz da raus, ist das natürlich völlig indiskutabel. Aber bei einer Firma ist das sicherlich denkbar."
Was hier für den Bereich der Universitäten skizziert wird, trifft für das ganze Internet zu. Es stellt sich die Frage, ob Suchmaschinen nicht längst zu den zentralen Infrastrukturen unserer Wissensgesellschaft gehören. Und ob es nicht zu riskant ist, darauf zu bauen, daß diese weiterhin relevante und unmanipulierte Ergebnisse liefern, wenn sie sich allein über Werbung finanzieren. Vielleicht wäre Metager als universitäre Einrichtung ein ausbaufähiges Modell. Vielleicht wäre es auch Aufgabe der öffentlichen Hand, hier Geld zur Verfügung zu stellen, um zumindest eine Suchmaschine aufzubauen deren finanzielle Unabhängigkeit garantiert wäre. Die Metager-Betreiber sind auf jeden Fall sofort bereit, ein solches Projekt in die Tat umzusetzen.
"Die öffentlichen Bibliotheken werden auch vom Staat finanziert und das Wissen der vergangene Jahrhunderte ist in den Bibliotheken drin, und das jetzige Wissen fließt ins Internet. Und es wäre sehr sinnvoll. An sich sind das ja keine Beträge, die einen größeren Staat pleite machen würden. Es wäre sehr sinnvoll das zu tun aber bisher habe ich noch keine Chance gesehen, dafür überhaupt Diskussionspartner zu finden."