pattern language - get connected or stay disconnected

(von mariann unterluggauer)

"A city naturally gave rise to a network, because that was the purpose of the city." (Nikos Salingaros)

Früher baute man Städte ohne großartigen Masterplan. Es gab noch keine Stadtplaner und keine Bauverordnungen. Lediglich Stadtmauern und natürliche Grenzen wie Berge und das Meer schränkten die Ausbreitung einer Stadt ein. Wirklich geplant wurden Stadterweiterungen - wie zum Beispiel in Barcelona - erst in den 50er Jahren des 19. Jahrhunderts.

Niko Salingaros: "Man kann sagen, das Cerda, Ildefons Cerda, der große Urbanist von Barcelona, die Notwendigkeit des "networking" richtig verstanden hat. Er musste Probleme lösen, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts neu waren: es ging nicht mehr nur um die Erweiterung der gotischen Altstadt, sondern er musste erstmals auch neue Netzwerke berücksichtigen: es gab einen größeren Bedarf an Straßen; die Eisenbahn war neu. Cerda, ausgebildet als Mathematiker, entwickelte einen exzellenten Stadtplan: er schuf parallele Netzwerke, die auf verschiedenen Ebenen koexistieren und auch untereinander Verbindungen eingehen können."

Das Internet entstand, genauso wie einst eine Stadt, aus dem Bedürfnis, Kommunikation zu erleichtern. Kein Wunder, dass in den 90er Jahren versucht wurde mit Begriffen wie "Information Superhighway" oder "digitale Stadt" die Netzwerkstruktur und das Leben im Internet zu beschreiben. Mittlerweile werden diese Begriffe nicht mehr bemüht. Sie gehören der Vergangenheit an. Das Leben in den zwei Welten lasse sich so nicht vergleichen, meint Nikos Salingaros. Gäbe es eine Analogie zwischen einer modernen Stadt und dem Internet, so wäre diese derzeit auch eher kontraproduktiv.

Nikos Salingaros: "Uns wird in den Schulen beigebracht, dass wir nicht in einer komfortablen, sondern unwirtlichen, fremden Umwelt leben müssen. Dies sei notwendig, weil wir im 21. Jahrhundert leben und moderne Menschen sind, die die Vergangenheit hinter sich gelassen haben. Wir dürfen nicht mehr über die glorreiche Architektur des alten Wien's schwärmen, obwohl man sich darin so wohl fühlt. Man erzählt uns, dass diese Architektur etwas zu tun hat mit der österreichisch- ungarischen Monarchie und dem ersten Weltkrieg. Damals wurde eine ganze Generation junger Männer zerstört. Man assoziiert diese Architektur mit Blut, aber das ist Blödsinn. Diese Gebäude sind heute genauso komfortabel wie damals. Warum darf man also nicht mehr so bauen? Unsere Erziehung verbietet es uns. Sie prägt uns. Aber wir wissen auch, dass durch diese Konditionierung eingebaute Präferenzen verloren gehen."

Die Menschen verlieren die Fähigkeit ihre ureigenen Bedürfnisse zu befriedigen. Stattdessen folgen sie lieber Trends, Moden und Propaganda. Egal wie sinnlos und unbequem diese am Anfang erscheinen, sagt Nikos Salingaros: Der Modernismus ersetzte den gepolsterten Stuhl durch einen harten, die Veranda durch glatte Fassaden und die Fußgänger durch Autos. Wenn die virtuelle Community wirklich etwas vom Urbanismus lernen möchte, so müsse sie sich nicht die moderne Stadt ansehen, sondern die Elendsviertel der Dritten Welt.

Nikos Salingaros: "Die Menschheit brauchte Jahrtausende, um das Bedürfnis nach einer speziellen Umgebung zu entwickeln. Würden die Menschen alleine gelassen werden, dann wären sie weiterhin in der Lage sich eine sehr komfortable Umwelt zu schaffen. Gehen Sie in ein Slum in Lateinamerika und ignorieren Sie den Verfall, den Gestank und das Fehlen jeglicher Menschlichkeit: wenn diese Menschen genug Baumaterial zur Verfügung hätten, würden Sie sich damit eine sehr spezielle, eine sehr komfortable Umgebung bauen. Um einiges komfortabler als die, in der die durchschnittliche Mittelklasse der sogenannten standardisierten Gesellschaft lebt.

Ihre grundlegende Frage lautet: können wir etwas vom Urbanismus lernen. Und ich denke: ja. Man muss lernen die Balance zu finden zwischen "bottom up" Methoden der Selbstorganisation und Evolution, wie wir sie bis jetzt auch im Internet vorfinden, und der Notwendigkeit TopDown Methoden anzuwenden. Aber man kann dies nicht von den Urbanisten lernen. Man lernt das am besten von DesignTheoretikern wie Christopher Alexander und mir."

Der Architekt und Mathematiker Christopher Alexander entwickelt seit den 70er Jahren die sogenannte Pattern Language. Dabei versucht er die Frage zu beantworten, wie Gebäude und Städte gebaut werden müssen, damit sie Kommunikation erlauben und das Leben der Bewohner positiv beeinflussen. Er versucht Pattern dafür zu formulieren, wann und warum Menschen, Plätze und Gebäude eine Verbindung miteinander eingehen können und ein funktionierendes Netzwerk bilden. Er plädiert für eine Architektur, die nicht Moden, Ideologien und den persönlichen Präferenzen der Architekten unterworfen ist, sondern den Menschen und deren Bedürfnissen.

Nikos Salingaros: "Das Buch "Pattern Language" wurde bereits in den 70er Jahren veröffentlicht. Es wurde aus den Architekturschulen auf der ganzen Welt verbannt. Das spontane Wachstum der Städte in der Dritten Welt folgt zwar einer "Pattern Language", nur diese Menschen haben nie eine Kopie diese Buches zu Gesicht bekommen. Dieses Buch würde sie soviel kosten wie sie in fünf Jahren zusammengerechnet verdienen. Aber dort wo am meisten gebaut wird, eben in den Slums, folgt man einer "Pattern Language". Nicht Christopher Alexander's "Pattern Language", aber man kann sagen, dass er in seinem Buch ganz richtig beschrieben hat, wie Menschen bauen würden."

Urbanisten, so die Kritik, schaffen keine funktionierende Struktur, sondern errichten "Alien Cities". In den Bürotürmen wird heute weniger mit den Kollegen nebenan kommuniziert, dafür umso mehr mit der Zentrale, die sich in einem anderen Stadtteil oder einem anderen Land befindet. Wohnsilos führen zur Vereinsamung. Öffentliche Plätze werden von breiten Straßen umgeben und erschweren damit für Fußgänger den Zugang. Anstelle der Nahversorgunger trat das "Shoppen in einer Erlebniswelt"; zumindest werden Einkaufzentren so beworben, um die Menschen dazu zu bewegen ans andere Ende der Stadt zu fahren. Damit das funktioniert braucht man allerdings wieder ein mehr an Infrastruktur. Das Netzwerk Straße wird wichtiger als der Mensch. Die Moderne, so Nikos Salingaros, arbeite nicht mit funktionierenden Patterns, sondern operiere mit sogenannten "AntiPatterns". Deren negative Auswirkungen seien nicht so leicht zu erkennen, denn AntiPattern treten in Gruppen auf. Damit erscheinen sie in einem Netzwerk nicht als Fremdkörper und können die Illusion wahren, dass auch sie in der Lage sind eine funktionierende Verbindung herzustellen.

Nikos Salingaros: "Wenn Sie sich die Moderne Architektur ansehen, so werden Sie eine Gruppe von Patterns erkennen, die unter sich sehr gut funktionieren. Aber ab einen gewissen Punkt ergeben sie keinen Sinn mehr. Sie lassen sich nicht mit dem menschlichen Leben, das sich außerhalb von ihnen befindet, in Verbindung setzen. Die Architekten werden Ihnen sagen: Aber sehen Sie doch, wir haben all diese Patterns, die miteinander sehr wohl einen Sinn ergeben. - Aber das funktioniert nur, weil sie sich innerhalb ihrer Grenzen gegenseitig verlinken. Die normalen Menschen stehen außerhalb und diejenigen, die noch nicht von Bildern beeinflusst sind werden sagen: aber das ist doch befremdlich. Sie haben also zwei Gruppen, in unterschiedlichen Positionen, die sich gegenseitig bekämpfen und keine Verbindung eingehen können. Es ist diese fehlende Verbindung zum menschlichen Leben, die die Moderne diskreditiert und zum Antipattern macht."

AntiPatterns, so die Definition bei Wiki, zeigen auf wie man von einem Problem zu einer schlechte Lösung kommt. Ein Beispiel für ein erfolgreiches Antipattern, das sowohl in der digitalen, als auch analogen Welt erfolgreich ist, ist der Virus: er greift in der einen die Harddisk an, in der anderen seinen Wirtsorganismus. und er ist so verpackt, dass er auf den ersten Blick nützlich und gutartig erscheint.

Nikos Salingaros: "Das ist der Grund, warum er nicht gleich als bösartig wahrgenommen wird. Er kommt als e-mail von ihrem Freund. Der Virus besitzt ein Protein, das als nützlich identifiziert wird. Und erst später startet er seinen Code und beginnt mit der Zerstörung. Im Computer löscht er Ihre Harddisk. Die Pioniere der modernen Architektur beherrschten diese Methode großartig. Sie entwickelten diese im Grunde fremdartige geometrische Typologie, diese Würfel und glatten Fassaden und verpackten ihre Ideen in einzelne Kapseln. Mittlerweile gibt es tausende verschiedene Kapseln. Wie der Aids Virus kann auch der "Modernismus Virus" seinen Code ändern, wenn er als bösartig entlarvt wird. Auf der ersten Verpackung steht zum Beispiel: Diese Architektur ist sozial. Sie überwindet die Unterdrückung des Staates des 19. Jahrhunderts. Sobald man erkennt, dass dies nur Humbug ist, nur Propaganda, wird die Verpackung geändert. Man sagt jetzt: Sie sei hygienisch. In solchen Gebäuden zu leben ist gesund. Man vermeidet damit Krankheiten. Die Zeit vergeht und man realisiert, dass das Leben in solchen Gebäuden nicht mehr oder weniger gesund ist als in den alten. Vom intellektuellen Standpunkt aus repräsentieren diese Gebäude eine mathematisch reine Form; und wir, als sehr zeitgemäße menschliche Wesen müssen diese akzeptieren, weil sie unseren "Fortschritt" symbolisieren."

Antipattern hätten gegenüber Patterns noch einen weiteren Vorteil: Sie sind leblos und müssten sich nur auf eines konzentrieren: Auf ihre zerstörerische Kraft.

Nikos Salingaros: "Dinge die Leben müssen zwei Funktionen erfüllen: Reproduzieren und Reparieren. Dafür braucht man eine zweifache Komplexität, denn hier sind zwei Systeme in einem inkludiert. Alles was ein Virus zu tun hat ist sich zu reproduzieren. Er kann also einfacher sein. Er hat damit von Anfang an einen Vorteil gegenüber einem lebenden Organismen. Auch entsteht ein Virus erst nach einem Organismus. Er ist ein Parasit."

Funktionierende Pattern benötigen noch zwei weitere Dinge: egal ob sie ein funktionierendes Gebäude eine Software oder ein Bild beschreiben, damit sie sich entwickeln können benötigen sie ein ausgewogenes Verhältnis von TopDown - und BottomUp Plannung. Auch Communities funktionieren mit so einer Planung am besten, meint Salingaros.

Nikos Salingaros: "BottomUp-Design benötigt einige genetische Regeln um zu wachsen und zu entstehen: kleine Dinge wachsen und verändern sich nach den Regeln der Selektion. Damit können sie sich wie ein Organismus entwickeln und zu einer Form reifen. Zur gleiche Zeit benötigt man aber auch TopDown Design, damit sich etwas entwickeln kann, das vom System noch nicht akzeptiert wurde. Eine Adaption passiert auf Zwang. Und Zwang ist eine TopDown Intervention. Das Web entwickelte sich bis jetzt BottomUp. Es gab keinen Zwang. Erst vor kurzem wurden mit E-Commerce und der Bildung einer "Internet Society" erfolglos TopDown Methoden in Position gebracht. Sie sind ein Eingriff in das Web, um Strukturen zu etablieren, an denen jemand aus gewissen Gründen Interesse hat. Wir beherrschen diese Methode nicht sehr gut und wissen nicht wirklich, wie wir das machen sollten. Bis jetzt haben wir erst die ersten Schritte in diese Richtung gesehen."

Die Patterns von Christopher Alexander sind alle BottomUp. Vielleicht mit ein Grund, warum sie so wenig akzeptiert werden, vermutet Nikos Salingaros. Mittlerweile setzt sich zwar auch unter den Stadtplanern die Idee durch, dass es nützlich sein könnte Bürger zu befragen, aber bisher wurde noch nichts gemeinsam gebaut. Bürger, so Nikos Salingaros werden nur dann aktiv, wenn sie eine funtkionierende Infrastruktur bewahren wollen, aber nicht dann, wenn es darum geht etwas Neues zu schaffen.

Nikos Salingaros: "Im Urbanismus passiert das Gegenteil. Urbanisten sind fasziniert von TopDown Methoden, die oft kontraproduktiv sind. Das bringt diese Methode in Verruf, denn es gibt sehr wohl TopDown Methoden die nützlich sein können. Nur die falschen TopDown Methoden können funktionierende Strukturen zerstören. Und das haben die Urbanisten im letzten Jahrhundert fertig gebracht. Es war ein Desaster. Wie auch immer. Das Web verlangt nach TopDown Intervention, um spezielle Communities entstehen zu lassen. Und es ist meine Hoffnung, dass das Netz dies nicht von den Urbanisten lernt, sondern die Urbanisten vom Netz; sobald die Pioniere dort herausgefunden haben, wie man eine so große Struktur kreieren kann das sie funtkioniert."

"Enlightened Dictatorship", so bezeichnet Nikos Salingaros die Lösung, die sowohl bei der Planung einer Stadt von Nutzen sein könnte als auch bei der Entwicklung einer Informationsgesellschaft und E-Commerce. Aber diese Aufgabe könne nicht von Politikern übernommen werden, sondern von Softwareentwicklern. Die richtige Methode werde irgendwo entstehen, in einer kleinen Firma, abseits von Machtinteressen, wo man an einem System arbeitet, das im Dienste der Community steht.

Nikos Salingaros: "Niemand redet gerne darüber. Niemand möchte eine "aufgeklärte Diktatur". Aber manchmal braucht man sie: Damit werden Fahrpläne fixizert, Eisenbahnstrecken und Häfen gebaut. Man bezahlt dafür einen Preis, und es ist natürlich nie gut einen Preis bezahlen zu müssen, um eine Diktator zu haben; aber eine TopDown Intervention die fortschrittlich ist und versteht, was sie zu tun versucht, die die Strukturen des Systems kennt, in das sie eingreift, kann sehr wohl positive Effekte haben. Die meisten Beispiele von TopDown Interventionen sind ein Desaster, weil es sich dabei nur um Übungen der Macht handelt; von Personen ausgeführt, die keine Ahnung haben was sie tun."

sonntag, 04. mai 2003, erstellt von matrix